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Kartoffelschrecken

Ein Beitrag von Andreas Zours

Kartoffeln auf dem Balkon zu ziehen ist gar nicht schwierig. In eine alte Maurerbütt gebe ich zuerst etwas Erde, durchmischt mit echtem Elbsand, setze dann die keimenden Kartoffeln darauf und bedecke sie mit Erde und Sand. Wichtig ist, daß unter den Kartoffeln so viel Erde liegt, wie die Kartoffeln dick sind. Sobald diese zu keimen beginnen, häufel ich immer wieder Erde an und freue mich nach einigen Wochen über die Blüten. Und irgendwann im August des letzten Jahres saß sie dann in meinen Kartoffeln: 

Weibchen der Punktierten Zartschrecke
Weibchen der Punktierten Zartschrecke

Sehr gut zu erkennen: Sie hat an den Blättern gefressen und sie hat gut verdaut. Aber von diesem Schönheitsfehler abgesehen habe ich mich sehr gefreut und die Schrecke lange und ausgiebig betrachtet – bis mir einfiel, daß ich ja einige Fotos machen könnte, um sie richtig zu bestimmen. Das gelang dann auch. Und ich betrachtete sie weiter. Heuschrecken sind eine uralte Ordnung, und sie hatten es bisher nicht mal nötig, sich weiterzuentwickeln; sie kommen mit dem aus, was sie haben und leben ein vergnügtes Leben. Wir könnten auch so leben, das setzte allerdings voraus, daß wir uns wirklich weiterentwickeln und nicht auf dem Niveau des konsumfreudigen Primaten verharren.

Ich war dankbar und verzieh ihr die Fraßspuren, und ich war glücklich mit dem Moment der Aufregung, in den sie mich versetzt hat – eine Aufregung, die ich im ganzen Körper spürte, als ich mein erstes Schwarzkehlchen auf einem Zaunpfahl sitzen sah, bis es sich hinabstürzte und mich eine kleine lange Weile auf die Folter spannte, ob es zurückkehren würde. Es kehrte zurück. Oder die erste Samtente, die ich beobachten konnte, an einem Silvestermorgen in klirrender Kälte unter einem strahlend blauem Himmel, von der Seebrücke Prerow aus, direkt unter mir im Wasser der Ostsee – die anderen waren schon zum Waffeln essen losgegangen, ich aber blieb in der Kälte stehen und war glücklich mit meinem ersten Samtentenerpel, es war eine tiefe, innige Freude und irgendwie auch eine dicke Kumpanei zwischen mir und dem schwarzen Vogel, wir machten uns nichts aus der Kälte, wir waren miteinander vergnügt.      

In diesem Sommer bemerkte ich eines Morgens im Bad eine Heuschrecke, die ich sicher fangen konnte und dann raussetzte in die Kartoffeln, es war diesmal eine andere Sorte, Arran Victory, eine schottische. Und auch die Heuschrecke war eine andere Art:  

Weibchen der Gemeinen Eichenschrecke
Weibchen der Gemeinen Eichenschrecke

Mein neues Bestimmungsbuch für Heuschrecken half mir, die Art zu bestimmen – witziger Weise mittels einiger Fotos, die ich schießen konnte, ohne daß die Schrecke sich über die Aufdringlichkeit beschwert hätte. Daß ich mit der kleinen Digitalkamera aus allen möglichen Richtungen nah an sie heranrückte störte sie nicht. Vielleicht dachte sie: Fressen kann ich das da nicht und gefressen werde ich auch nicht – was soll‘s. Gerne hätte ich die Gemeine Eichenschrecke noch eine Weile begleitet, aber so viel Zeit hat ja kein Mensch, ich nehme also an, daß sie weitergeflogen ist.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ingo Kirchhoff (Samstag, 20 Oktober 2018 16:45)

    Es stand bei uns eine kleine Umpflanzaktion an. Während wir so werkelten hüpfte uns eine Schrecke entgegen. Eigentlich würden wir sie nicht weiter beachtet und hätten mit unser Arbeit weitergemacht. Inspiriert durch den Artikel wurde dann die Kamera geschnappt um ein paar Bilder zu schiessen. Uns interessierte es nun mit wem wir es zu tun hatten. Nach unserer Recherche muss es sich um ein 'Südliche Eichenschrecke' handeln, natürlich ohne Gewähr.
    Danke für diesen Artikel der uns zum Neugierig sein animiert hat.