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Books on Birds I

Sachbücher und „Bilderbücher“

Ein Beitrag von OK

Books on Birds; Links hinten (teilweise verdeckt): Leander Khil, Vögel beobachten im Seewinkel (2016, Nachdruck 2018). Rechts hinten (teilweise verdeckt): Roine Magnusson/Mats Ottoson/Asa Ottoson, Vögel ganz nah (2017). Foto: OK
Books on Birds; Links hinten (teilweise verdeckt): Leander Khil, Vögel beobachten im Seewinkel (2016, Nachdruck 2018). Rechts hinten (teilweise verdeckt): Roine Magnusson/Mats Ottoson/Asa Ottoson, Vögel ganz nah (2017). Foto: OK

Vogelbeobachtung wird hierzulande beliebter, wenngleich sie den Rang eines Volkssports – wie in England und in den Niederlanden – noch nicht erreicht hat. Birder sind oft bildungsnah. Man schätzt einen (populär-)wissenschaftlichen oder literarischen, jedenfalls verschriftlichten Zugang zum Thema. Wo Nachfrage ist, ist auch Angebot. Der deutsche Buchmarkt hat in jüngerer Zeit auffällig viele Neuerscheinungen zum Großthema „Vögel“ zu verzeichnen. Die im Weiteren angesprochenen neueren Bücher lassen sich in drei – zugegebenermaßen etwas grobe – Kategorien einteilen: erstens Sachbücher, bei denen die Behandlung von Sachthemen oder -fragen der Vogelwelt im Vordergrund steht, zweitens „Bilderbücher“, die den Fokus auf (besonders gutes) Bildmaterial von Vögeln legen, drittens sog. Nature Writing, d.h. Bücher, die keinen (in erster Linie) sachlichen oder fotografischen Zugang zur Vogelwelt oder Vogelkunde bieten, sondern eher persönliche Erfahrungen, Gefühle, Eindrücke und Gedanken einbringen und individuell verarbeiten. Die nachfolgend angesprochene Auswahl ist notwendig subjektiv. Sie ist keineswegs vollständig. Neu erschienene Bestimmungsbücher, etwa das sehr schön bebilderte und ausgestattete Werk von Leander Khil, Vögel Österreichs, 2018 bleiben im Weiteren ausgeklammert, da man Bestimmungsbücher – bei aller Anerkennung der immensen Arbeit, die in ihnen steckt – insgesamt doch eher als (unentbehrliches) Handwerkszeug denn als „Literatur“ wahrnehmen dürfte. 

In diesem ersten Teil des Beitrags werden die Kategorien „Sachbücher“ und „Bilderbücher“ besprochen. Der zweite Teil des Beitrags über „Nature Writing“ erscheint in einigen Wochen.


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1. Sachbücher

Wichtige Lektüre bieten (z.T. populär-) wissenschaftliche, oft sehr engagiert geschriebene Sachbücher, die den aktuellen Arten- und Individuenschwund in der Vogelwelt aufzeigen und Maßnahmen zur Abhilfe diskutieren. Peter Berthold ist einer der renommiertesten, international bekanntesten und wohl auch medienwirksamsten deutschen Ornithologen mit fachlichem Schwerpunkt Vogelzug.  Er war über viele Jahre Leiter der Vogelwarte Radolfzell und ist jetzt Emeritus des Max-Planck-Instituts für Ornithologie. Unlängst konnten Fachwelt und Medien seinen 80. Geburtstag feiern (siehe die Würdigung von Krumenacker, Der Falke 4/2019, 7 ff.). Die vielbeachtete Streitschrift des Jubilars für mehr und vor allem für anderen Arten- und Vogelschutz – Peter Berthold, Unsere Vögel, Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können, 2017, Taschenbuchausgabe 2018 – sticht aus der Menge neuer Sachbücher heraus. Das Buch rüttelt auf. Es erscheint fachlich sehr fundiert, auch wenn manche Positionen Bertholds – etwa zur Ganzjahresfütterung – bekanntermaßen kontrovers diskutiert werden. Berthold plädiert leidenschaftlich dafür, jede Gemeinde in Deutschland im Hinblick auf ein vogeltaugliches Biotop in die Pflicht zu nehmen. Er hebt völlig zu Recht den ständigen Aderlass hervor, den die schwindenden Kleinvogelbestände durch Hauskatzen erleiden,  und berichtet sehr interessant, ja mitreißend aus den Projekten der Heinz Sielmann-Stiftung („Biotopverbund Bodensee“). 

Der bundesdeutsche Rebhuhn-Bestand ging innerhalb weniger Jahrzehnte um rund 90% zurück. Foto: T. Demuth
Der bundesdeutsche Rebhuhn-Bestand ging innerhalb weniger Jahrzehnte um rund 90% zurück. Foto: T. Demuth

Ein (bekannter) Kritikpunkt sei hier freilich erlaubt. Bertholds Sprache ist überall unverblümt, kräftig und ausdrucksstark. Das ist geradezu ein Markenzeichen des Autors. Mitunter erscheint Bertholds Sprache aber auch als „grenzwertig“ (so Krumenacker, Der Falke 4/2019, 7, 8). Ob etwa im Hinblick auf das Aussterben des Rebhuhns tatsächlich von einem »„Völkermord an einer Vogelart“«  (gebundene Ausgabe S. 49 f.; Hervorh. im Original) gesprochen werden kann oder sollte, erscheint sprachlich wie inhaltlich gleichermaßen zweifelhaft, wie katastrophal die Situation des Rebhuhns auch immer sein mag. In einer Neuauflage ließe sich diese Formulierung ohne jeden Nachteil für die inhaltliche Aussagekraft ändern. Für die öffentliche Wahrnehmung der wichtigen, berechtigten Anliegen Bertholds ist ein solcher Schreibstil meines Erachtens eher nachteilig, und verleitet womöglich zu der (völlig falschen) Annahme, der Autor übertreibe, oder man brauche ihn nicht ganz ernst zu nehmen (siehe etwa die – durchaus wohlwollende – Rezension von Thomas Weber, Wie wär’s mit einem Starenkasten?, Frankfurter Allgemeine Zeitung [FAZ] vom 20.10.2017, worin es  heißt, der „Ton in Bertholds Buch (sei) manchmal ein bisschen apokalyptisch“, „wie es sich für dieses Genre gehört“). Ein Wissenschaftler vom Rang Bertholds glänzt durch seine Sachkenntnis und durch sein überragendes Werk, ohne dass es dafür einer auffälligen Wortwahl bedarf.

Ebenfalls ein Sachbuch, aber eher kultur- oder wissenschaftsgeschichtlich ausgerichtet ist das Werk von Bernd Brunner, Ornithomania, Geschichte einer besonderen Leidenschaft, 2015Brunner geht es weniger um Vögel als um die Beschäftigung mit der Vogelwelt als Sozialphänomen. Er behandelt u. a. die Vogelsammler und Taxonomen des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts, etwa Lionel Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild (1868-1937), den man in Großbritannien nicht nur als Bankier und Zoologen kannte, sondern angeblich auch als Betreiber einer von Zebras gezogenen Kutsche. Brunner spürt der Exzentrik speziell der Avifaunistik und ihrer Protagonisten nach. Man wird der in der FAZ veröffentlichten Rezension zum Werk Brunners aus der Feder von Josef H. Reichholf, selbst Autor von Ornis, Das Leben der Vögel, 2014, freilich darin zustimmen können, dass die (vermeintlich) exzentrische Sammelwut vergangener Zeiten durchaus wichtige, bis heute tragfähige Fundamente für wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn gelegt haben mag, und daher differenziert und vor allem in ihrer Zeit stehend gesehen werden muss (Reichholf, FAZ  vom 6.10.2015)-

Das jüngste hier besprochene Sachbuch stammt wiederum von einem Altmeister der Ornithologie in Deutschland: Einhard Bezzel, 55 Irrtümer über Vögel, 2019. Dem Mitgründer des DDA und langjährigen Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen ist ein relevantes, informatives, auch streitbares Werk gelungen. Ausgerechnet der Titel des Buches ist meines Erachtens allerdings nicht glücklich gewählt. Man denkt dabei unweigerlich an ein langweiliges Lexikon des widerlegten Volksglaubens, an besserwisserisches Myth Busting zum Thema „Vögel“ (ähnlich wie hier die Rezension von Krumenacker, Wider die Fake News über das Vogelreich, riffreporter.de). Bezzel behandelt (und entlarvt) tatsächlich einige alte oder auch neuere Legenden, etwa die Wandersage, dass Fisch- oder Seeadler von großen Beutefischen ertränkt werden können (S. 185 ff.), oder das Ammenmärchen, dass Elstern gerne glänzende Gegenstände an sich nehmen (S. 220 ff.). Die Widerlegung solchen vogelbezogenen Aberglaubens ist (einigermaßen) interessant und sicher aufwändig recherchiert, hätte indessen auch ersatzlos fehlen dürfen. Viel stärker und gesellschaftlich wie fachlich relevanter ist das Buch in den – zum Glück größeren – Teilen, die aktuellen Themen des Vogellebens und Vogelschutzes in Deutschland gewidmet sind. Man wird sehr nachdenklich, wenn Bezzel kenntnisreich und überzeugend mit dem gerne wiederholten Mythos aufräumt, dass Großstädte – im Gegensatz zum platten Land – heute ultimative Vogelparadiese seien (S. 31 ff.). Ebenso lesenswert ist es, wenn Bezzel den Sinn und Unsinn systematischer Vogelzählungen diskutiert (S. 55; sehr treffend S. 69: „Monitoring und eifriges Zählen darf keine Sterbebegleitung sein“), das „Aufräumen“ von Gärten und Anlagen verurteilt (S. 21 ff.), Katzenliebhaber an die enorme Jagdstrecke ihrer gut gefütterten Lieblinge erinnert (S. 137 ff.) und die sinnlose, von Artenkenntnis und richtigem Bestimmen (= Ansprechen) oft nicht eingetrübte Jagd auf „Wasserwild“ (S. 89) kritisiert (S. 88 ff.). Der Zugang zum jeweiligen Thema über „Irrtümer“ ist dann nur noch Gestaltungsprinzip. Im Grunde liefert Bezzel eine hochaktuelle, mit Gewinn zu lesende, reich mit Fakten unterlegte Bestandsaufnahme des status quo unserer Vogelwelt, und greift dabei nahezu alle Themen des Tages auf. Das insgesamt eher pessimistische Gesamtbild, das Bezzel zeichnet, namentlich auch im Hinblick auf die noch völlig offenen Fragen des Klimawandels (S. 249 ff.), ist mit Sicherheit gerechtfertigt, und sollte dazu anregen, die bisher immer noch bescheidenen Anstrengungen zum Schutz und zur Erhaltung der Vögel zu verdoppeln, zu verdreifachen, zu vervielfachen.

2. "Bilderbücher"

Eine weitere Untergruppe der Neuerscheinungen bilden hochwertige „Bilderbücher“, die den Akzent eher auf Vogelbilder als auf Text setzen. Es handelt sich gleichsam um Leistungszeugnisse der Vogelfotografie, z.T. auch der Vogelmalerei. Typische großformatige, zumeist aus dem angelsächsischen Raum oder auch aus Schweden stammende Coffee Table Books bieten hervorragende Fotografien, z.B. die Werke von Roine Magnusson/Mats Ottoson/Asa Ottoson, Vögel ganz nah, 2017 oder von Paul Sterry/Rob Read, Vögel lebensgroß, 2018. Diese Bücher vermitteln Freude und Staunen am perfekten Bild, sind aber schon wegen ihres Formats für die Bestimmung im Feld ungeeignet und dafür auch nicht gedacht. Andere neuere Bücher aus diesem Bereich haben eher wissenschaftsgeschichtlich-dokumentarischen Anspruch und sind insoweit Zeugnisse der historischen Tiermalkunst und der Geschichte der Ornithologie, z.B. Arnulf Conradi (Hrsg.), Johann Friedrich Naumann, Die Vögel Mitteleuropas, Eine Auswahl, 2009, oder auch Francis Roux, Die Vögel Europas von John Gould, 2019.

Ebenfalls eindeutig bildbetont ist der Band von Erich Hoyer, Vögel in Norddeutschland, 2012. Das Buch will Vogelbeobachterinnen und -beobachter über interessante Gebiete und Landschaften im Norden informieren und bietet ebenfalls schönes Bildmaterial. 

Drei Kampfläufer (mit einem Kiebitz) als Gäste in der Wedeler Marsch. Foto: T. Demuth
Drei Kampfläufer (mit einem Kiebitz) als Gäste in der Wedeler Marsch. Foto: T. Demuth

Sein Textteil hat mich aber nicht vollständig überzeugt. Liest man z.B. die Überschrift auf S. 41 („Kampfläufer – Turnierplätze an unserer Küste“), vermutet man sogleich Geheimwissen des Autors und möchte sofort zu den bisher offenbar unbekannten Plätzen „an unserer Küste“ starten, liest im laufenden Text dann aber nur dies: „Besonders in Skandinavien sind die Kampfläufer noch häufiger anzutreffen. An der deutschen Nord- und Ostseeküste sieht es schlechter aus. Vor allem durch die Zerstörung von feuchtem Salzgrasland an der Ostsee sind viele ehemalige Brutplätze verloren gegangen, so beispielsweise am Greifswalder Bodden oder auf Fischland/Zingst.“ Das alles freilich wusste man schon, wenn es in Wahrheit nicht noch sehr viel schlimmer um den Kampfläufer in Deutschland steht. Ferner hätte man das Statement, der Kiebitz sei „ein Vogel, der seinen Namen ruft“ (so S. 169), in dieser Form wohl eher in einem Kinderbuch erwartet.

Fazit

Die Sachbücher und „Bilderbücher“ der jüngeren Zeit sind durchweg hochwertig – Kenner und Könner waren am Werk. Wenn man die vorgestellten Neuerscheinungen in ihrer Gesamtheit überschaut, bleibt insbesondere zu hoffen, dass fachlich hervorragend ausgewiesenen Mahnern wie Berthold und Bezzel in der Gesellschaft endlich das Gehör geschenkt wird, das sie seit langem verdienen. Lesen wir die Bücher unserer Experten, und handeln wir danach!

 

(Beitrag wird fortgesetzt)

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