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Tolle Vögel

Ein Beitrag von Andreas Zours

In meiner Nachbarschaft haben einige Kleingärten dem Wohnungsbau zu weichen, und das sieht mitunter befremdlich aus, denn als erstes verschwinden die Zäune entlang des Weges. Und dann verschwinden sofort die Lauben, denn kleine Abrissbagger verhindern, daß es sich jemand gemütlich macht oder bei Regen unterstellt oder sogar eine Laube besetzt wird. Es ist den Behörden hoch anzurechnen, daß die Bäume, Sträucher & Blumen stehen bleiben, und das meine ich ernst, denn blindwütig alles kurz und klein zu hacken wäre günstiger - und auch viel eher zu erwarten.

Manche großen Grundstücke indes sind schon mit Bauzäunen gesichert, dort stehen die Bäume, Sträucher & Blumen also unerreichbar und leuchten weithin im Septemberlicht. Aber Zäune haben Lücken, und so fand ich mich inmitten einiger geräumter Kleingärten zwischen wunderbar vollen Apfelbäumen und pflückte meinen Korb voll - es waren bestimmt sieben Sorten!

Zu Hause dann mache ich mich an die Arbeit, Apfelmus kochen. Die Schüssel mit Griebsch und Schalen stelle ich auf den Balkon in die Sonne, neugierig, für wen das wohl attraktiv ist, und um klar zu machen, daß es hier was Leckeres gibt, stelle ich noch einige der frisch geklauten Äpfel auf den Tisch.

Es kamen Wespen. Erst turnte eine an einem knallroten Apfel herum, dann kam eine zweite dazu. Die erste fing an, sich durch die Schale zu beißen, und nach einer Weile schubste die zweite sie zur Seite und biß kräftig ins Fruchtfleisch, woraufhin die erste Wespe an einer anderen Stelle begann, sich durch die Schale zu fressen. Als nun eine dritte Wespe auftauchte und geduldig auf dem Apfel herumturnte, fragte ich mich, ob die erste Wespe wohl den Abrissbagger macht, damit die anderen ans Fruchtfleisch kommen.

Die erste Wespe hatte nun das Fruchtfleisch freigelegt, und sofort war die dritte Wespe zur Stelle und ließ es sich schmecken. Nun war keine Zeit zu verlieren – ich ging in die Küche, zog den Topf vom Herd und saß wieder bei meinen Wespen. Es war wohl bereits ein Dutzend, das auf den Äpfeln herumturnte, und als ich einen Blick in die Schüssel riskierte war ich baff – nochmal bestimmt 30 Wespen kletterten über die Reste und fraßen sich satt. „Gnadenbrot“ dachte ich, „ist doch in Ordnung“. 

Innerhalb kürzester Zeit hatte ich mir eine Wespenplage angelacht. Und das fand ich nicht nur amüsant, sondern auch spannend. Ich saß lange bei meinen Gästen und schaute ihnen zu. Schon nach zwanzig Minuten war mir klar, daß es sich um wirkliche Charaktertiere handelt. Es gibt welche, die schubsen und welche, die geschubst werden, manche mümmeln zurückhaltend vor sich hin, andere beißen mal hier, mal da rein und es ist ihnen nie lecker genug, dann tauchen Banden auf, erobern Fruchtfleischquellen, vertreiben die angestammten Genossen und scheinen einander beim Fressen Schutz zu geben. Und es gibt die wirklichen Helden, die sich nicht beirren lassen, ruppig auf Störung reagieren und ihr Vorhaben nicht aufgeben. Manche arbeiten sogar zusammen, um einen Tunnel quer durch den Apfel zu treiben, hier schön am Abraum zu sehen:

Sachte schloss ich die Balkontür hinter mir und stand wieder am Herd. Tolle Vögel, dachte ich.

Am nächsten Nachmittag waren es etwa 60 Wespen - in der Schüssel, an den Äpfeln, in der Luft. Wahrscheinlich waren es mehr, einige hatten sich in der Schüssel unter dem Griebsch verbuddelt, andere turnten unter den Schalen herum. Ich stand also daneben und versuchte, ihre Zahl zu schätzen, und sie ließen mich in Ruhe. Nun ja, ich war ja auch ruhig. Als ich Kind war, galt es als Mutprobe, so lange wie nur irgend möglich still zu halten und nicht auf das bedrohliche Summen zu reagieren, nicht zu zucken, wenn eine Wespe am Ohr herumkrabbelt, nicht zu schnauben, wenn der Flügelschlag im Mundwinkel oder an der Nasenspitze zu spüren ist. Und ich war weiterhin mutig und machte noch ein Foto:

Wochen später stiebitzte ich den Wespen dann den schönen knallroten Apfel und staunte: das gesamte Fruchtfleisch war aufgegessen, übrig geblieben war nur eine schöne stabile Schale mit einem durchgehenden Griebsch in der Mitte. Ob die Wespen Bescheid wissen über die bauliche Beschaffenheit von Äpfeln und sie keineswegs den Zusammenbruch des Obstgehäuses riskieren wollten, oder ob ihnen der Griebsch einfach zu hart ist, werde ich nie erfahren. Teilen aber bleibt mir weiterhin eine Freude.   

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